Graustufen der Wirklichkeit
Auf der Insel Jura war die Nacht am 23. August 1994
kühl, es wehte ein kalter Wind vom Meer her und die Bewohner
des Dörfchens Ardfin blieben in dieser Nacht lieber in
ihren Häusern. Am Morgen diesen Tages hatte eine private
Sicherheitsfirma im Auftrag der K-Foundation 1 Millionen Pfund
in bar aus dem Besitz der experimentellen Band THE
KLF ... [mehr] zu einem verlassenen Bootshaus
auf die Insel gebracht. In der Nacht waren Bill Drummond und
Jimmy Cauty aka The KLF eine gute Stunde damit beschäftigt
die Bündel an Pfundnoten in ein Feuer zu werfen und zu
verbrennen. Ein Freund der beiden, Gimpo, filmte die Aktion.
Der freiberufliche Journalist Jim Reid war als Zeuge anwesend,
als eine Million Pfund sich in Rauch auflöste.
Einige Scheine entkamen dem Feuer und wurden ins Meer geschwemmt.
Ein Teil der Asche wurde in einem Koffer deponiert. Der Ziegelhersteller
James Matthews wurde von der K-Foundation, bestehend aus Bill
Drummond und Jimmy Cauty, gebeten, aus dieser Asche Bausteine
herzustellen. Der Grund dafür soll exakt 23 Jahre später,
also im Jahr 2017 veröffentlicht werden.
Diese Performance brauchte nicht lange um eine moderne Legende
zu werden, die das Nachdenken über Geld und dessen Verhältnis
zur Kunst anregt.
Cauty und Drummond gingen anschließend mit dem Video
auf Tour und zeigten es ohne Eintritt in kleinen Kulturzentren
in ganz England. Für die Veranstaltung wurde mit ganzseitigen
Anzeigen geworben und Drummond/Cauty hatten dabei Fragen formuliert:
War es ein Verbrechen? War es eine Opfergabe? War es Wahnsinn?
War es eine Investition? War es Rock'n Roll? War es eine Obszönität?
War es Kunst? In den meisten Fällen zeigten die meisten
Menschen Ablehnung hinsichtlich dieser Aktion. Einer jedoch
meinte, es war "das lauteste und klügste Fuck Off
aller Zeiten".
Nur, was hat diese Legende mit den
VirtuArtisten zu tun?
Am 23. August 1994 entschloss ich mich, angesichts meiner
damaligen dreißig Lebensjahre, ein Wagnis einzugehen
und die überschaubare Welt der süddeutschen Provinz,
die mich als Künstler nicht weiterbrachte, in Richtung
Berlin zu verlassen. So scheint der 23. August 1994 in vielerlei
Hinsicht ein besonderer Tag zu sein. Denn hätte ich damals
gekniffen und meinen Arsch nicht hoch bekommen, ich könnte
heute 2005 nichts über die Geschichte der VirtuArtisten
berichten, denn dann gäbe es keine VirtuArtisten - niemals
hätten sich zwei kreative Querdenker in ihrer maroden Prenzlauer
Berg-Wohnung den Kopf darüber zerbrochen, ob es nicht für
den Begriff "Künstler" einen alternativen, besseren und moderneren
Namen geben könnte. Am Anfang war das Wort!
So auch in diesem Falle, zuerst war da das Wort VirtuArtisten,
zusammengesetzt aus "virtuell" (der Möglichkeit nach bereits
vorhanden) und "Artisten" (Geschicklichkeitskünstler), aber
was konnte man damit anfangen?
Nun, zuerst ein Mal geheimnisvoll klingen und hernach einen
Mythos initiieren. Aus dem Alternativwort für "Künstler"
wurde schließlich im Laufe der Jahre auch unter Einbindung
der damals im Entstehen begriffenen "neuen Medien" schließlich
das Profil für den Kommunikationskünstler. Der
Inhalt hatte sich der Form angepasst, sozusagen.
Übrigens ist die LUNGE ganz ähnlich entstanden! Die VirtuArtisten
hatten im RAW-tempel Projekträume gemietet, um darin zu denken.
Nur irgendwie waren die Räume dem kreativen Denken nicht wirklich
zuträglich. Wir hatten die Räume, aber was konnten wir damit
zusammen anfangen, wenn das Denken darin schon so schwer fiel.
Es gab damals einen gemeinsamen Nenner: drei der damaligen
VirtuArtisten waren/sind leidenschaftliche Schreiber. Und
so gründete sich der Literatursaloon LUNGE, dem Jahre
später die Kurzgeschichten-Taschenzeitschrift "get shorties"
folgen sollte. Was lernt man daraus?
Nicht alles, was sich entwickeln kann, erfolgreich entwickeln
kann, muss einem Plan oder einer Grundidee oder einem Konzept
entsprungen sein. Ist die Zeit reif, kommt alles von alleine
ins Rollen.
April 2005, Berlin-Friedrichshain,
Andreas B. Vornehm
Sollte Ihnen die Realität in dieser Schilderung wie
ein trockenes Brot vorkommen und unter der Berücksichtigung,
dass Sie es gerne ein wenig bunter und fabuliergewaltiger
mögen, derselbe Content aber als ...
Prisma der Legende
... [mehr]
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